Perlophonies

"que de sang caillé sur mon chemin griffé de lumière, l'or défunt des réverbères"

Tag: Peter Handke

Der gesenkte Blick

“Bis vor wenigen Jahren habe ich fast immer nur zu Boden geschaut. Wenn ich etwas lese, was ich ganz früh geschrieben habe, habe ich das Gefühl von einem Menschen mit gesenktem Blick, so viel auf der Erde Liegendes kommt darin vor, und so viel Kleines. Ein weggeworfener Handschuh, die vom Tau beschlagene Zellophanumhüllung einer Zigarettenschachtel, Hände im Schoß ohne die Gesichter dazu… Das alles sah ich als Zeichen für das, was ich nicht sah – für die monumentalere Fremdheit der menschlichen Lebensäußerungen, die sich in der Umwelt, wenn auch nicht so poetisch verschlüsselt wie in dem Anblick eines angebissenen Apfels in einem Kanalgitter, in den Bauten und Straßenfluchten gezeigt hätte, wenn ich nur schon hätte aufblicken können. Heute erst weiß ich, daß dieses Wichtignehmen von Kleinigkeiten auf dem Boden nicht möglich gewesen wäre ohne den Reflex, der mich vor der Übermacht der verbauten Natur weiter weg zurückschrecken ließ. Der gesenkte Blick war nichts als eine Abwehrbewegung vor so viel menschenverdrängenden Anblicken.”

Peter Handke – “Die offenen Geheimnisse der Technokratie” in: Als das Wünschen noch geholfen hat. 

Handke’s Todesangst

“1952 /
im Sommer /
als ich /
(vom Leichenschmaus zum Andenken an die gerade beerdigte Großmutter nach Hause geschickt, um einem Trauergast die vergessenen Zigaretten zu holen) /
den leeren /
stillen /
Raum /
betrat /
in dem die Tote /
drei Tage lang /
aufgebahrt war /
und /
in dem stillen /
leeren /
Raum /
nichts erblickte /
als eine kleine schmutzige Lache /
aus einer Vase /
auf dem Fußboden /
hatte ich /
zum ersten Mal /
im Leben /
Angst /
vor dem Tod /
und nur weil man sagte /
daß es einem in der Todesangst /
kalt über den Rücken rinnt /
konnte ich mich /
indem ich mir /
zum Schutz /
die Worte die man sagte vorhielt /
der Todesangst /
noch einmal /
entwehren.”

Peter Handke – aus: “Die neuen Erfahrungen” in: Peter Handke. Prosa Gedichte Theaterstücke Hörspiel Aufsätze.

Peter Handke, Bühne ≠ Welt

“Hier oben gibt es jetzt keine Ordnung. Es gibt keine Dinge, die Ihnen eine Ordnung zeigen. Die Welt ist hier weder heil noch aus den Fugen. Das ist keine Welt. Die Requisiten haben hier keinen Platz. Ihre Stellung auf der Bühne ist nicht vorgezeichnet. Weil sie nicht vorgezeichnet ist, gibt es hier oben keine Ordnung. Es gibt keine Kreidezeichen für den Standpunkt der Dinge. Es gibt keine Gedächtnisstützen für den Standpunkt der Personen. Im Gegensatz zu Ihnen und Ihren Sitzgelegenheiten ist hier nichts an seinem Ort. Die Dinge haben hier keine Orte, die festgesetzt sind wie die Orte Ihrer Sitzgelegenheiten dort unten. Die Bühne ist keine Welt, so wie die Welt keine Bühne ist.”

Peter Handke – Publikumsbeschimpfung